Direktor*innen-Dienstag #15

Direktor*innen-Dienstag mit dem Speicherstadtmuseum

Hamburgs Museumsdirektor*innen stehen uns Rede und Antwort: Alle zwei Wochen beantworten sie 9 Fragen zu ihrem Haus, zum Beruf und zu sich. Heute begrüßen wir Henning Rademacher, Betreiber des Speicherstadtmuseums.

1. Welche Stadt, welches Land bzw. welche regionalen oder kulturellen Einflüsse haben Sie in Ihrem Denken besonders geprägt?
Die Seefahrt hat mich am stärksten geprägt, wenn man das als kulturellen Einfluss bezeichnen will. Aber das war damals schon eine Welt für sich – vor allem vor der Containerisierung, als die Liegezeiten noch so lang waren, dass man sich in den Hafenstädten umschauen konnte. Und die Mannschaften waren auch größer und nicht so international wie heute, d.h. man teilte noch Lebensgeschichten und Erfahrungen oder kannte sich aus der Seefahrt. 1961 fing ich als Schiffsjunge an, 1971 habe ich mein Kapitänspatent erworben, bin aber nur als Zweiter Offizier gefahren. Ab 1973 studierte ich Volkswirtschaft in Hamburg und fuhr in den Semesterferien immer wieder als Zweiter Offizier, um mein Studium zu finanzieren. Ein ABM-Projekt in den 1980er Jahren und mein Volontariat im Museum der Arbeit haben mir die Häfen und die Seefahrt dann auch von der wissenschaftlichen Seite her erschlossen, und das war der zweite prägende Einfluss für mich.

2. Seit wann leben Sie in Hamburg?
Seit 1948 bin ich Hamburger – gefühlt allerdings mein ganzes Leben lang. Die Wohnung meiner Eltern in Winterhude wurde bei den Luftangriffen 1943 jedoch so schwer beschädigt, dass sie dort nicht mehr wohnen konnten und deshalb zu Verwandten nach Elsfleth ziehen mussten. In der Wesermarsch wurde ich 1944 auch geboren. 1948 bekam das Mietshaus in Winterhude endlich wieder ein Dach, und meine Familie konnte nach Hamburg zurückkehren.

3. Welche Museen, Kultureinrichtungen oder Gedenkorte haben Sie in Ihrer Arbeit nachhaltig beeinflusst?
Wie Punkt 4!

4. Welche Ausstellung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Die Jubiläumsausstellung „Speicherstadt – Arbeitsort und Baudenkmal seit 100 Jahren“, die das Museum der Arbeit 1988 auf zwei Lagerböden im Block R in der Speicherstadt gezeigt hatte. Zum einen war ich als Volontär an der Ausstellung beteiligt – das war also sozusagen mein Initiationserlebnis –, zum anderen konnte ich mir durch die wissenschaftliche Vorbereitung der Ausstellung die Nutzungs- und Architekturgeschichte der Speicherstadt erschließen, u.a. durch die Auswertung der im Staatsarchiv überlieferten Dokumente. Hierdurch wurde meine Faszination für dieses Quartier geweckt – was dann ja auch der Grund dafür war, dass ich das Speicherstadtmuseum1995 gegründet habe.

5. Was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung im Berufsbild der Museumsdirektorin?
Ich sehe mich nur bedingt als Museumsdirektor. Als Betreiber einer privat geführten Außenstelle der Stiftung Historische Museen Hamburg bin ich vielmehr ein mittelständischer Unternehmer. Ich trage das volle wirtschaftliche Risiko, muss zur Not auch mal selbst zum Handwerkszeug greifen oder mich hinter die Kasse stellen und war seit letztem Jahr hauptsächlich damit beschäftigt, die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu bewältigen, die mein Museum wegen der Lockdowns zeitweilig in seiner Existenz bedrohte.

6. Bitte stellen Sie uns mit einem Satz vor: das größte, das wertvollste und das wundersamste Objekt Ihrer Sammlung?
Das wertvollste Objekt ist eine Leihgabe aus dem „Ratssilberschatz“ des Hamburger Rathauses, nämlich die silberne Maurerkelle mit Elfenbeingriff und der ebenso gearbeitete Maurerhammer, die Kaiser Wilhelm II. am 29. Oktober 1888 anlässlich der sogenannten Schlusssteinsetzung in der Speicherstadt gereicht wurden. Dabei wurde eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Eingliederung Hamburgs in das deutsche Zollgebiet in den westlichen Turm der Brooksbrücke eingefügt. Eines der größten Objekte, zumindest der Länge nach, ist der Peekhaken, den ich eine Tages abends am Tollerort im Gras gefunden hatte, wo er achtlos weggeworfen und nicht mehr gebraucht wurde. Der misst 6 Meter. Noch in derselben Nacht lud ich ihn auf den Dachgepäckträger meines VW-Golfs und brachte ihn – mit erheblichen Überstand vorn und hinten – ins Museum. Ansonsten gibt es noch einige größere Sortiermaschinen aus der Speicherstadt, die im Depot in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stehen.

7. Welche Kooperation – ob mit Stiftungen, anderen Museen, Wirtschaftsunternehmen, sozialen Einrichtungen oder anderen – hielten Sie für besonders gelungen und warum?
Ich kooperiere bereits seit langer Zeit mit der HHLA, deren Fotoarchiv ich wissenschaftlich bearbeite. Außerdem unterstützt uns die HHLA seit unserer Gründung, indem sie uns die Ausstellungsfläche mietfrei zur Verfügung stellt. Zukünftig sollen wir vollständig in die Stiftung Historische Museen Hamburg eingebunden werden.

8. Welche Besucher*innengruppen wünschten Sie sich noch oder mehr in Ihrem Haus begrüßen zu dürfen? Welche Maßnahmen sehen Sie, diese erreichen zu können?
Wir sind eigentlich sehr zufrieden mit der Zusammensetzung unserer Besucher*innen, die sehr vielfältig ist. Besonders freut uns, dass so viele Menschen aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz den Weg zu uns finden, insbesondere auch im Rahmen unserer öffentlichen Familienführungen „Speicherstadt – Die Entdeckertour für Kinder“. Aber auch die öffentlichen Führungen durch die Speicherstadt und das Museum, die sich eher an Erwachsene richten, werden gerne nachgefragt. In die Ausstellung kommen auch viele Menschen aus Dänemark und den Niederlanden und nutzen die englische Übersetzung der Ausstellung. Das belegt, wie relevant unser Angebot für Tourist*innen ist, die hier ein typisches Stück Hamburg kennenlernen können, das zudem UNESCO-Welterbe ist. Wir merken allerdings auch, dass die Konkurrenz vor Ort gerade im Bereich der Führungen immer größer wird, und das zieht natürlich Interessent*innen ab.

9. Und schließlich: Was möchten Sie in Ihrem Museum noch erleben?
Mein Wunsch ist, dass die Zukunft des Museums auch für die nächsten 25 Jahre wirtschaftlich gesichert ist und meine langjährigen Mitarbeiter*innen übernommen werden, wenn das Speicherstadtmuseum integraler Bestandteil der Stiftung wird.

Vielen Dank!

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