Direktor*innen-Dienstag #13

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Direktor*innen-Dienstag mit dem Museum der Arbeit

Hamburgs Museumsdirektor*innen stehen uns Rede und Antwort: Alle zwei Wochen beantworten sie 9 Fragen zu ihrem Haus, zum Beruf und zu sich. Heute begrüßen wir Prof. Dr. Rita Müller, Direktorin des Museum der Arbeit.

1. Welche Stadt, welches Land bzw. welche regionalen oder kulturellen Einflüsse haben Sie in Ihrem Denken besonders geprägt?
Eine wichtige Erfahrung war meine Zeit, die ich in Ostdeutschland verbrachte habe. Ich habe über 10 Jahre als Kuratorin am Sächsischen Industriemuseum Chemnitz und drei Jahre als Leiterin des Westsächsischen Textilmuseums in Crimmitschau gearbeitet. Ich bin mit den unterschiedlichsten Lebensläufen und Erfahrungen konfrontiert worden. Viele Menschen waren enttäuscht und frustriert, andere waren offen und optimistisch. Vor allem die Entwertung von Arbeitsbiografien, der Umbruch in der Arbeitswelt, haben die Menschen geprägt. Und eine wesentliche Frage war stets, ob man Ossi oder Wessi ist.

2. Seit wann leben Sie in Hamburg?
Seit Januar 2014.

3. Welche Museen, Kultureinrichtungen oder Gedenkorte haben Sie in Ihrer Arbeit nachhaltig beeinflusst?
Prägend waren für mich jene Häuser, in denen ich meine Ausbildung erhalten bzw. in denen ich gearbeitet habe. Meine ersten Erfahrungen konnte ich im Landesmuseum für Technik und Arbeit, heute Technoseum, sammeln. Noch während meines Studiums hat mich der Umgang mit Objekten, auch mit großen Maschinen, begeistert und ich konnte viel von meinem im Geschichtsstudium erworbenen Wissen anwenden. Im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen stand die Vermittlung der Kulturgeschichte in einem Tourismusgebiet im Mittelpunkt und am Sächsischen Industriemuseum die Industriekultur.

4. Welche Ausstellung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Besonders beeindruckt hat mich bei meinem letzten Urlaub in der Provence das Site-Mémorial Camp des Milles. Diese Gedenkstätte, die sich in einer ehemaligen Ziegelfabrik bei Aix-en-Provence befindet, diente von 1939 bis 1942 als Internierungslager. Es trägt den Beinamen „Camp des artistes“, denn dort waren neben politisch und rassisch Verfolgten viele verfemte Künstler vorübergehend interniert, die meist entkommen konnten, etwa Max Ernst, Wols, Hans Bellmer, Robert Liebknecht sowie Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel und Walter Janka. Viele Bildwerke sind hier entstanden, von denen manche noch an den Wänden sichtbar sind. Dieser Besuch hat mich emotional sehr bewegt und ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben.

5. Was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung im Berufsbild der Museumsdirektorin?
Museen müssen sich immer wieder wandeln, sie müssen sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen immer wieder neu erfinden und als Direktor*in muss man diesen Wandel initiieren und begleiten.

6. Bitte stellen Sie uns mit einem Satz vor: das größte, das wertvollste und das wundersamste Objekt Ihrer Sammlung?
Die T.R.U.D.E. („Tief runter unter die Elbe“), mit dem die 4. Röhre des Elbtunnels gebohrt wurde, ist mit einem Durchmesser von 14 Metern das bisher größte und – vielleicht auch wertvollste – Objekt der Sammlung. Die Kautschuk-Madonna ist für mich nach wie vor das überraschendste Objekt der Sammlung: Sie ist aus Hartgummi, 58 Zentimeter groß und wurde um 1875 als Einzelstück in der Harburger Gummi-Kamm Compagnie gefertigt.

7. Welche Kooperation – ob mit Stiftungen, anderen Museen, Wirtschaftsunternehmen, sozialen Einrichtungen oder anderen – hielten Sie für besonders gelungen und warum?
Besonders ungewöhnlich und gelungen war für mich die Kooperation mit der ZEIT-Stiftung bei „Out of Office. Wenn Roboter und KI für uns arbeiten“, die sonst nur Ausstellungsprojekte fördert, hier aber mit dem Bucerius Lab selbst beteiligt war.

8. Welche Besucher*innengruppen wünschten Sie sich noch oder mehr in Ihrem Haus begrüßen zu dürfen? Welche Maßnahmen sehen Sie, diese erreichen zu können?
Mit unserem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm versuchen wir, die Menschen in ihrem Alltag abzuholen und aktuelle gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen. Mit handlungsorientierten Ausstellungen wollen wir vor allem Kinder, Jugendliche und junge Menschen ansprechen. Und natürlich wünschen wir uns, dass noch mehr Menschen den Weg in unser Haus finden, vor allem jene, die mit dieser Kulturinstitution fremdeln. Wir wollen uns weiter öffnen und unser Angebot noch vielfältiger gestalten.

9. Und schließlich: Was möchten Sie in Ihrem Museum noch erleben?
Die Sanierung des Torhauses, in dem die Gastronomie, die Kompetenzwerkstätten und das Forum „Zukunft gestalten“ untergebracht werden sollen, und vor allem die Modernisierung der Dauerausstellung.

Vielen Dank!

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