Direktor*innen-Dienstag #12

Direktor*innen-Dienstag mit dem Medizinhistorischen Museum Hamburg

Hamburgs Museumsdirektor*innen stehen uns Rede und Antwort: Alle zwei Wochen beantworten sie 9 Fragen zu ihrem Haus, zum Beruf und zu sich. Heute begrüßen wir Prof. Dr. Philipp Osten, Direktor des Medizinhistorischen Museums Hamburg.

1. Welche Stadt, welches Land bzw. welche regionalen oder kulturellen Einflüsse haben Sie in Ihrem Denken besonders geprägt?

Am Ende meiner Kindheit in Düsseldorf waren Künstlerinnen und Künstler die prägenden Personen. Der Formgestalter Walter Sauer wohnte nebenan und nahm mich mit in die Galerien. Bernd und Hilla Becher, Konrad Fischer und Winfried Gaul saßen in der Kneipe und hatten viel zu erzählen.
In Berlin, konnte man sich als Studierender in den 1990ern einbilden, einem gehöre die Stadt. Die Volksbühne bot freie Platzwahl für fünf Mark. Besonders die Arbeiten von Christoph Schlingensief und seinem Ensemble haben mich begeistert. Am meisten geprägt hat mich mein Freundeskreis aus dieser Zeit.

2. Seit wann leben Sie in Hamburg?

Im Oktober 2015 ist meine Familie mit mir aus Heidelberg nach Hamburg gezogen. Neben dem Medizinhistorischen Museum leite ich das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am UKE. 

3. Welche Museen, Kultureinrichtungen oder Gedenkorte haben Sie in Ihrer Arbeit nachhaltig beeinflusst?

Das von abertausend Kindern bevölkerte Victoria and Albert Museum in London bringt auch mich immer wieder zum Staunen. In der Gedenkstättenarbeit finde ich die Fokussierung auf Wissensvermittlung und klare Didaktik wichtig. Früh gelang das besonders gut dem Ghetto Fighter Museum des Kibbuz Lochamej haGeta’ot. Es erinnert an den Aufstand des Warschauer Ghettos. Für meine wissenschaftliche Arbeit waren die Teams des Berliner und des Heidelberger Medizinhistorischen Instituts prägend.
Als Historiker arbeite ich auch über Ausstellungen, und mich beschäftigen ihre negativen Aspekte: Viele Million Menschen sahen die Hygieneausstellungen in Kaiserreich und Weimarer Republik. Ausstellungen waren einflussreiche Massenmedien – und effektive Instrumente von Propaganda.

4. Welche Ausstellung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und warum?

Die Kuratorin Martha Fraenkel behauptete, Ausstellungsbesucher kämen mit der „Attitüde des Flaneurs“. Auch ich mag Ausstellungen, in denen es viel zu entdecken gibt. Eine Offenbarung waren die teilweise selbstorganisierten Neben- und Gegenveranstaltungen der ersten Berlin-Biennalen. Meine Lieblingsausstellung ist wohl Harald Szeemanns „Monte Verita – Berg der Wahrheit“. Teile davon sind heute in Askona zu sehen.

5. Was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung im Berufsbild des Museumsdirektors?

Die wichtigste Aufgabe ist, möglichst vielen kreativen Menschen, die das Team eines Museums bilden, nachhaltige Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Bei der Auswahl von Themen und Objekten gilt es, gleichermaßen aktuelle wissenschaftliche Diskurse aufgreifen und das Interesse eines breiten Publikums zu fesseln.

6. Bitte stellen Sie uns mit einem Satz vor: das größte, das wertvollste und das wundersamste Objekt Ihrer Sammlung?

Das größte Objekt ist der historische Sektionssaal der Eppendorfer Pathologie aus dem Jahr 1919. Wertvollstes Objekt ist eine kleine Eisenbahnerfigur; ein Kinderspielzeug, das in der Krankenmord-Anstalt Hartheim bei Linz gefunden wurde.
Wundersam sind die Techniken und Apparaturen, die vergangenen Generationen Vorstellungen von den Vorgängen des Lebens vermittelt haben.

7. Welche Kooperation – ob mit Stiftungen, anderen Museen, Wirtschaftsunternehmen, sozialen Einrichtungen oder anderen – hielten Sie für besonders gelungen und warum?

Die Auseinandersetzung mit den Medizinverbrechen im Nationalsozialismus ist ein zentrales Thema des Medizinhistorischen Museums. Die Konzeption unserer Dauerausstellung gelang durch eine intensive Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Neuengamme, dem Beratungszentrum Alsterdorf, der Hamburger Stolpersteinintiative, Senatskanzelei und Behörden.
Besonders profitiert hat meine Institution auch von der Expertise der Forschungsstelle Hamburgs (post)koloniales Erbe, denn in den Sammlungen der ehemaligen Psychiatrischen Klinik Friedrichsberg befinden sich Human Remains aus allen Kontinenten, die vor 100 Jahren dazu dienten Rassentheorien zu konstruieren. Hier ist noch viel aufzuarbeiten.

8. Welche Besucher*innengruppen wünschten Sie sich noch oder mehr in Ihrem Haus begrüßen zu dürfen? Welche Maßnahmen sehen Sie, diese erreichen zu können?

Zu unseren Führungen kommen eher junge Leute. In unseren Abendveranstaltungen, die hoffentlich bald wieder stattfinden, wechseln wir zwischen Lesungen, Vorträgen und Aufführungen. Die Mischung der Zielgruppen funktioniert ganz gut. Als am 31. Oktober 2018 zum ersten Mal freier Eintritt in vielen Hamburger Museen gewährt wurde, war der Ansturm riesig. Das zeigt, was für eine große Hürde Eintrittsgelder sind.

9. Und schließlich: Was möchten Sie in Ihrem Museum noch erleben?

Nach der neuen Ausstellung „Pandemie – Rückblicke in die Gegenwart“, die im September eröffnet, planen wir eine Reihe zum Thema Drogen. Und ich freue mich auf die Eröffnung der Kunstausstellung „Venusmaschine“ von Kirsten Krüger, die seit Beginn von Covid in Kisten verpackt auf bessere Zeiten wartet.

Vielen Dank!

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